„Chemische Biotechnologie, das ist ein anstrengender Studiengang“, warnt Prof. Volker Sieber. Aber der Abschluss macht sich bezahlt. (Foto: pehe)

„Chemische Biotechnologie, das ist ein anstrengender Studiengang“, warnt Prof. Volker Sieber. Aber der Abschluss macht sich bezahlt. (Foto: pehe)

Im Herbst startet in Straubing der neue Bachelorstudiengang Chemische Biotechnologie

Die chemische Industrie gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen in Deutschland. Und sie steht vor großen Herausforderungen: Wie geht sie damit um, dass Erdöl, ihr wichtigster Rohstoff, langsam knapp wird? Und wie kann sie den oft immensen Energieverbrauch ihrer Prozesse reduzieren?

Die Antwort kommt aus Straubing. „Dafür braucht man Experten, die diese Prozesse entwickeln, aber dann auch in der Industrie steuern und leiten können“, sagt Prof. Volker Sieber, der Leiter des Lehrstuhls Chemie Biogener Rohstoffe der Technischen Universität München (TUM) am Wissenschaftszentrum, im Gespräch mit dem Straubinger Tagblatt. Und diese Experten sollen bald in Straubing ausgebildet werden: Im Herbst, wenn das Wissenschaftszentrum zum Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit der TUM wird, startet dort der neue Bachelorstudiengang Chemische Biotechnologie.

„Dahinter steckt, dass man die Produktion von bestimmten Chemikalien effizienter und nachhaltiger gestalten möchte“, erklärt Prof. Sieber. „Ein Mikroorganismus macht am Ende nichts anderes als eine chemische Umwandlung.“ Diese Wege zu verstehen und für die chemische Industrie nutzbar zu machen, das sollen die Absolventen des neuen Studiengangs leisten können.

„Biotechnologie kann mehr“

Dabei geht es nicht nur darum, Erdöl durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. „Die Biotechnologie kann mehr. Es können auch petrochemische Ressourcen mit biotechnologischen Verfahren effizienter und nachhaltiger umgewandelt werden“, sagt Prof. Sieber. Das zeige sich am Beispiel von Polyamiden, einer Klasse von Kunststoffen, die zum Beispiel im Fahrzeugbau eingesetzt werden. „Um die zu erhalten, kann man Alkane aus Erdöl mit Mikroorganismen umwandeln, die diese Alkane schonend oxidieren“, erläutert Prof. Sieber. Die Um-wandlung geschieht so bei geringeren Temperaturen, braucht weniger Rohstoff, Lösungsmittel und Energie und ist damit insgesamt ökologischer und effizienter.

„Drei Aspekte sind ganz zentral, wenn man an eine nachhaltige Nutzung von biogenen Rohstoffen denkt: die Biologie, die Chemie und die Verfahrenstechnik“, sagt Prof. Sieber. „Die Grundlagen für diese drei Fächer sollen in dem Studium gelegt werden.“
Das spiegelt sich auch in den Inhalten des Studiengangs wider, der nach sechs Semestern mit dem Titel Bachelor of Science abschließt. In den ersten beiden Semestern erwartet die Studierenden neben mathematischen und physikalischen Grundlagen vor allem eine breite Einführung in die Chemie mit Schwerpunkt auf der organischen Chemie. Im weiteren Verlauf steigen die Studenten tiefer in die Mikro- und Molekularbiologie ein und beschäftigen sich ausführlich mit Prozess- und Verfahrenstechnik bis hin zur Anlagenprojektierung. Ab dem vierten Semester können in Wahlmodulen eigene Schwerpunkte gesetzt werden, entweder in Richtung Chemie oder Molekularbiologie oder Verfahrenstechnik.

Ein großes Forschungspraktikum im fünften Semester und die Bachelorarbeit sorgen gemeinsam mit den von Beginn an vorgesehenen Laborpraktika für den Praxisbezug. In Planung ist ein Austauschprogramm mit der Universität von Queensland im australischen Brisbane. Ausgewählte Vorlesungen werden auf Englisch angeboten.

„Richtig tiefe Grundlagen“

Damit die naturwissenschaftlichen Grundlagen auch richtig sitzen, ist nach dem ersten Studienjahr eine Grundlagen- und Orientierungsprüfung vorgesehen, die spätestens bis zum Ende des dritten Semesters absolviert sein muss. „An der TUM ist das Ziel, den Leuten richtig tiefe Grundlagen zu geben, damit sie auch wissenschaftlich arbeiten können“, sagt Prof. Sieber. „Das ist ein anstrengender Studiengang. Wer das studieren möchte, sollte sich das auch überlegen.“

Der Bachelorstudiengang soll dazu befähigen, in der chemischen Industrie oder in Forschungseinrichtungen zu arbeiten. Aber der überwiegende Teil der Absolventen werde wohl den entsprechenden Masterstudiengang dranhängen, schätzt Studienkoordinatorin Margit Klier-Richter. Der Master soll 2019 starten. Alternativ könnten sich Absolventen auch für einen Master aus den Bereichen Biochemie, Gentechnik, Pharma oder Verfahrenstechnik entscheiden.

Eine Zulassungsbeschränkung gibt es nicht. Bewerber müssen die allgemeine Hochschulreife oder die fachgebundene Hochschulreife in den Zweigen Technik oder Agrarwirtschaft, Bio- und Umwelttechnologie nachweisen. Bewerbungsschluss ist am Samstag, 15. Juli. Die Bewerbung erfolgt unter https://www.tum.de/studium/bewerbung.

Quelle: Straubinger Tagblatt | 08.07.2017
Autor: Markus Peherstorfer